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artefakte:wurzelvision

Die Wurzelvision

In den tiefen Wäldern Elenwärths lebte einst eine Seherin, deren Name in den Chroniken verloren ging. Sie sprach selten – doch wenn sie sprach, hörte der Wald zu.

In einer Nacht ohne Wind sank sie an den Wurzeln des Weltenbaums nieder und sah, was kein Sterblicher sehen sollte.

Der Weltenbaum blutete.

Nicht aus Wunden, sondern aus seinen Wurzeln. Das Blut sickerte in die Erde, färbte Moos und Stein und ließ die Tiere verstummen. Die Seherin sah, dass jeder Tropfen aus einer Tat der Sterblichen geboren war: Rodung ohne Maß, Jagd ohne Dank, Wachstum ohne Rücksicht.

In ihrer Vision wandte sich der Weltenbaum nicht gegen die Welt – er zog sich zurück. Seine Wurzeln lösten sich langsam aus der Erde, und mit ihnen schwand das Gleichgewicht von Leben, Jahreszeiten und Erinnerung.

Als die Seherin erwachte, war der Wald still. Sie verkündete ihre Vision, doch viele hörten nur eine Warnung vor Verzicht und wandten sich ab.

Seitdem gilt die Wurzelvision als Mahnung Elenwärths:

  • Die Natur vergisst keine Schuld.
  • Trennung beginnt nicht mit Zerstörung, sondern mit Gleichgültigkeit.
  • Wer die Wurzeln verletzt, verliert den Halt.

Die Seherin verschwand bald darauf. Manche sagen, sie sei Teil des Waldes geworden. Andere glauben, der Weltenbaum habe sie zu sich gerufen.

Doch die Wurzeln bluten noch immer – für jene, die hinsehen.


Die Zweite Wurzelvision

Diese Fortsetzung der Wurzelvision wird den meisten nicht gelehrt. Sie erscheint nur jenen, die lange genug im Schweigen des Waldes verweilen.


Die Offenbarung

Die Seherin sah den Weltenbaum erneut.

Diesmal bluteten nicht nur die Wurzeln – sie begannen sich zu lösen.

Nicht hastig, nicht im Zorn, sondern langsam, wie ein Wesen, das sich entscheidet zu gehen.

„Wenn die Wurzeln keinen Halt mehr finden,
wird der Baum nicht fallen.
Er wird sich entziehen.“

Die Zeichen des Rückzugs

Die Vision nennt drei Zeichen, die dem Rückzug vorausgehen:

  • Die Jahreszeiten verlieren ihre Ordnung.
  • Tiere vergessen ihre Wege.
  • Kinder hören den Wald nicht mehr.

Wenn diese Zeichen zugleich erscheinen, beginnt die Trennung.


Der Bruch

„Der Weltenbaum wird nicht sterben.
Er wird die Welt verlassen.“
„Was ohne Wurzeln bleibt,
muss sich selbst tragen.“

In der Vision sah die Seherin, wie Magie versiegte, wie alte Pfade verschwanden und wie die Erde hart und stumm wurde.

Nicht als Strafe – sondern als Konsequenz.


Die Letzte Warnung

Die Vision endet mit Worten, die nur wenige zu deuten wagen:

„Noch halten die Wurzeln.
Noch blutet der Baum.“
„Doch wenn niemand mehr zuhört,
wird er schweigen.“

Anmerkung der Waldhüter

Die Waldhüter Elenwärths lehren:

  • Der Weltenbaum fordert keine Opfer.
  • Er verlangt Erinnerung.
  • Er verlangt Beziehung.

Denn was sich entfremdet, wird nicht zerstört – es wird verlassen.


Die Warnrede der Waldhüter

Die Waldhüter treten barfuß auf den Boden, legen eine Hand auf Erde oder Wurzel und sprechen gemeinsam:

„Hört, die ihr steht,
wo Wurzeln tragen.“

Eine kurze Stille folgt.

„Der Weltenbaum spricht nicht laut.
Er befiehlt nicht.
Er erinnert.“

Der Sprecher oder die Sprecherin tritt vor:

„Wir haben gesehen,
was geschieht, wenn man nimmt,
ohne zu danken.“
„Wir haben gehört,
wie der Boden schweigt,
wenn niemand mehr zuhört.“

Alle antworten:

„Die Wurzeln bluten.“

Der Sprecher fährt fort:

„Noch halten sie.
Noch tragen sie.“
„Doch was sich entfremdet,
wird verlassen.“

Zum Abschluss sprechen alle:

„Wir warnen nicht aus Zorn.
Wir warnen aus Verbundenheit.“
„Kehrt um,
oder geht bewusst.“
„Denn der Wald fällt nicht –
er geht.“

Nach diesen Worten wird kein weiteres Urteil gesprochen. Die Entscheidung liegt bei jenen, die gehört haben.


Anmerkung

Das Ignorieren der Warnrede gilt in Elenwärth nicht als Verbrechen, sondern als bewusste Lossagung vom Schutz des Waldes.

Die Waldhüter greifen danach nicht ein.

artefakte/wurzelvision.txt · Last modified: by milanee