In den frühen Jahren Turenhalls, als das Reich noch jung und seine Grenzen unsicher waren, trat ein junger Ritter vor den Schwurstein von Gillenwalde.
Er war weder von hohem Adel noch von großer Tat bekannt. Doch er kniete nieder, legte Schwert und Schild ab und sprach seinen Schwur nicht vor Menschen, sondern vor dem Reich selbst.
Er gelobte, sein Leben nicht für Ruhm, nicht für Lohn und nicht für persönliche Ehre zu geben, sondern allein für den Bestand Turenhalls und den Schutz seiner Bewohner.
Der Schwurstein, so berichten die Chroniken, antwortete nicht mit Licht oder Wunder. Doch als der Ritter aufstand, war seine Entschlossenheit unerschütterlich.
Der junge Ritter fiel Jahre später im Dienst des Reiches. Sein Name verblasste, doch sein Schwur blieb.
Seitdem gilt der Schwur von Gillenwalde als höchstes Symbol der Treue in Turenhall. Er lehrt:
Der Schwurstein von Gillenwalde steht noch immer. Vor ihm legen angehende Paladine ihren Eid ab, denn nur wer bereit ist, alles zu geben, darf das Reich im Namen des Lichts schützen.
Seit Generationen wird in Turenhall darüber gestritten, wem der Schwur von Gillenwalde letztlich gilt: dem Reich – oder dem Gewissen.
Beide Auslegungen berufen sich auf denselben Schwur und widersprechen einander doch grundlegend.
Diese Auslegung gilt als die offizielle Doktrin Turenhalls.
Sie lehrt:
Anhänger dieser Lehre argumentieren, dass ein Paladin ohne klare Loyalität zur Gefahr für Ordnung und Stabilität wird.
Der Schwurstein, so heißt es, prüft nicht das Herz, sondern die Bereitschaft zum Opfer.
Diese abweichende Auslegung wird vor allem von wandernden Paladinen und Ordensphilosophen vertreten.
Sie lehrt:
Diese Schule verweist darauf, dass der junge Ritter von Gillenwalde nicht vor einem König schwor, sondern vor dem Reich selbst – und damit vor dessen höchsten Werten.
Die Chroniken vermerken mehrere Fälle, in denen Paladine zwischen beiden Lehren zerrieben wurden.
Keine dieser Entscheidungen gilt als eindeutig richtig oder falsch.
Die Paladinprüfung Turenhalls enthält bewusst keine Antwort.
Stattdessen lautet der letzte Lehrsatz:
Ein Paladin wird nicht daran gemessen, ob er zweifelt – sondern daran, wie er mit diesem Zweifel lebt.
Der Schwurstein von Gillenwalde gilt als heiliges Symbol der Treue. Doch seine Geschichte ist nicht frei von Streit.
Mehrfach wurde seine Bedeutung infrage gestellt, und jedes Mal erschütterte dies die Paladinorden Turenhalls.
Die erste große Kontroverse entstand, als Paladine begannen, den Schwur unterschiedlich auszulegen.
Ein Teil sah den Schwur als unbedingte Bindung an Krone und Reichsrat. Andere betonten, dass der Eid dem Reich als Ideal gelte und nicht jeder Anordnung seiner Herrscher.
Diese Uneinigkeit führte zu offenen Konflikten innerhalb der Orden.
Die Chroniken berichten von drei Paladinen, die einen königlichen Befehl verweigerten, weil er ihrer Auffassung nach dem Geist des Schwurs widersprach.
Sie wurden vor den Schwurstein geführt, um ihren Eid zu erneuern oder zu widerrufen.
Keiner sprach.
Dieses Schweigen wurde unterschiedlich gedeutet:
Die Paladine wurden verbannt, doch ihr Fall blieb unvergessen.
Nach diesen Ereignissen versuchte der Reichsrat, die Bedeutung des Schwursteins verbindlich festzulegen.
Ein Edikt erklärte:
Dieses Edikt beruhigte die Ordnung, vertiefte jedoch die innere Spaltung der Paladinorden.
Bis heute ist die Kontroverse nicht vollständig beigelegt.
Einige Orden lehren strikte Reichstreue. Andere prüfen ihre Anwärter besonders auf Gewissensstärke.
Der Schwurstein selbst blieb unverändert. Er spricht nicht. Er urteilt nicht.
Und gerade darin sehen viele seine größte Prüfung.
Die Chroniken schließen mit den Worten: