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Das Lied der Drei Säulen

In den frühen Tagen der Welt, als Himmel und Erde noch ohne Maß waren, drohte die Schöpfung unter ihrem eigenen Gewicht zu zerbrechen. Berge verschoben sich, Meere kannten keine Ufer, und die Völker lebten ohne Gesetz oder Richtung.

Da traten drei Götter hervor, jeder mit einer eigenen Gabe, doch vereint im Willen, die Welt zu bewahren.

Der Erste errichtete die Säule der Ordnung. Er gab der Welt Struktur, Maß und Grenze. Durch ihn entstanden Gesetze, Zyklen und die Gewissheit, dass jede Tat eine Folge trägt.

Der Zweite erhob die Säule der Wahrheit. Er trennte Schein von Sein und gab den Sterblichen die Fähigkeit, Lüge zu erkennen und Verantwortung zu tragen. Ohne Wahrheit, so lehrte er, wird Ordnung zur Tyrannei.

Der Dritte setzte die Säule der Erkenntnis. Er schenkte Einsicht, Erinnerung und das Streben nach Verständnis. Denn ohne Erkenntnis, so sprach er, erstarren Ordnung und Wahrheit zu leeren Formen.

Als die drei Säulen standen, fand die Welt ihr Gleichgewicht. Nicht eine Säule allein trug die Schöpfung, sondern ihr Zusammenspiel. Wankte eine, gerieten alle in Gefahr.

So wurde das Lied der Drei Säulen gelehrt – zuerst als Gesang, später als Lehrsatz. In Sumáthhr heißt es bis heute:

Darum ruhen Recht und Urteil auf allen dreien zugleich. Wer richtet, muss sie kennen. Wer herrscht, muss sie achten. Und wer sie vergisst, lässt die Welt erneut ins Wanken geraten.


Theologische Auslegung der Drei Säulen

Die Gelehrten Sumáthhrs streiten seit Jahrhunderten darüber, welche der Drei Säulen den Vorrang trägt. Einigkeit besteht nur in einem Punkt: Keine Säule darf allein herrschen.

Doch je nach Schule, Tempel oder Gericht wird der Schwerpunkt unterschiedlich gesetzt.


Die Lehre der Ordnung

Anhänger dieser Auslegung sehen die Säule der Ordnung als tragendes Fundament.

Diese Schule ist vor allem unter Richtern, Verwaltern und Militärorden verbreitet. Kritiker werfen ihr vor, Ordnung über Gerechtigkeit zu stellen.


Die Lehre der Wahrheit

Diese Auslegung erhebt die Säule der Wahrheit über die anderen.

Sie ist besonders unter Priestern, Chronisten und Inquisitoren verbreitet. Ihre Gegner warnen vor Starrheit und moralischem Absolutismus.


Die Lehre der Erkenntnis

Philosophen und Lehrmeister betonen die Säule der Erkenntnis.

Diese Schule gilt als fortschrittlich, aber auch als gefährlich. Ihr wird vorgeworfen, Zweifel über Stabilität zu stellen.


Die Hohe Synthese

Die offizielle Lehre Sumáthhrs erkennt keinen absoluten Vorrang an.

Stattdessen gilt:

Ein Richter, so heißt es, muss wissen, welche Säule in welchem Moment spricht.


Lehrsatz der Tempel

Die Tempel schließen jede Unterweisung mit den Worten:


Die Lehre der Zerbrochenen Säule

Diese Auslegung gilt in Sumáthhr als ketzerisch und ist in den offiziellen Archiven verboten. Sie wird nur flüsternd weitergegeben – unter Philosophen, Abtrünnigen und jenen, die an der Ordnung zweifeln.

Die Lehre behauptet:

Die Welt wird nicht von drei Säulen getragen. Sie wird von einer einzigen Wahrheit zusammengehalten – und die übrigen Säulen sind nur Werkzeuge der Kontrolle.


Die Anklage

Ketzer lehren, dass die Säule der Ordnung nicht geschaffen wurde, um die Welt zu stabilisieren, sondern um Macht zu sichern.

Die Drei Säulen seien kein Gleichgewicht, sondern ein Käfig.


Die Verborgene Wahrheit

Nach dieser Lehre existiert nur eine wahre Säule:

Alles andere sei Ableitung oder Täuschung.

Die Götter, so heißt es, fürchteten diese Einsicht – darum teilten sie sie auf drei Säulen auf.


Der Zerbruch

Ketzer glauben, dass die Welt nicht untergehen würde, wenn eine Säule fällt – sondern befreit würde.

Insbesondere der Sturz der Ordnung wird als notwendiger Schritt gesehen. Nicht Chaos sei die Folge, sondern ein neues Gleichgewicht jenseits göttlicher Kontrolle.


Verbotener Lehrsatz

Die Schriften enden stets mit denselben Worten:


Anmerkung der Tempel

Der Besitz dieser Lehre gilt als Hochverrat. Ihre Verbreitung wird mit Exil oder Tod bestraft.

Denn wer die Säulen infrage stellt, stellt das Recht selbst infrage.