In einer Zeit innerer Spaltung stand Turenhall am Rand des Bürgerkriegs. Adelshäuser rüsteten gegeneinander, Städte schworen unterschiedlichen Thronansprüchen, und das Reich drohte, sich selbst zu zerreißen.
Der König jener Tage war rechtmäßig gekrönt, doch seine Herrschaft wurde angefochten. Jeder Befehl, den er gab, ließ neues Blut fließen.
Als die Heere sich sammelten, trat der König allein vor den Thron. Er nahm die Krone ab – und legte sie nieder.
Die Chroniken berichten, dass die Krone dabei sein Blut berührte, denn seine Hände waren verwundet von den Zeichen der inneren Kämpfe.
Er sprach:
„Ein Reich, das nur durch meine Krone besteht,
ist kein Reich, sondern ein Schlachtfeld.“
Mit diesem Akt verzichtete er auf die absolute Herrschaft, um das Reich zu bewahren. Die Krone blieb liegen – und mit ihr endete der Marsch der Heere.
Aus diesem Ereignis entstand die Mahnung, die bis heute in Turenhall gelehrt wird:
Die Krone aus Blut wurde nicht zerstört, sondern bewahrt – als Erinnerung an den Preis der Einheit.
Nach dem Verzicht des Königs wurde der Kronrat gegründet.
Er vereint Vertreter des Adels, der Städte, der Orden und der Krone selbst. Kein Herrscher Turenhalls darf seither allein entscheiden, wenn das Reich zu zerbrechen droht.
Die Krone wird nur noch getragen, wenn der Kronrat sie anerkennt.
Die Chroniken schließen mit den Worten:
sondern durch jene, die bereit sind, sie niederzulegen.
Die Krönung findet im Beisein des Kronrats statt. Die Krone ruht zunächst auf dem Altar, nicht auf dem Haupt.
Der oder die Thronanwärter:in tritt vor und spricht:
„Ich stehe vor der Krone,
nicht über ihr.“
Eine kurze Stille folgt.
„Ich erkenne an,
dass Macht geliehen ist
und Herrschaft Verantwortung trägt.“
Der Sprecher oder die Sprecherin des Kronrats antwortet:
„Erinnere dich an das Blut,
das floss, als eine Krone zu schwer wurde.“
Der Anwärter kniet nieder und spricht:
„Ich schwöre,
diese Krone niederzulegen,
bevor das Reich sich selbst zerreißt.“
„Ich schwöre,
zu hören,
wenn der Rat spricht,
und zu verzichten,
wenn Demut es verlangt.“
Erst dann hebt der Kronrat die Krone gemeinsam an und setzt sie auf.
Der Kronsprecher schließt:
„Trage die Krone,
solange sie dem Reich dient.“
„Und lege sie nieder,
wenn sie es bedroht.“
Das Auslassen oder Verändern dieser Formel gilt als Ungültigkeit der Krönung.
Die Blutkrone erinnert nicht an Schuld, sondern an die Pflicht, Macht jederzeit loslassen zu können.
Diese ketzerische Gegenlehre entstand als Reaktion auf die Krone aus Blut und den daraus hervorgegangenen Kronrat.
Ihre Anhänger lehnen den Verzicht als Tugend ab und betrachten ihn als Ursprung aller späteren Schwäche Turenhalls.
Die Lehre der Ungeteilten Krone verkündet:
Der Verzicht des Königs wird nicht als Opfer, sondern als Kapitulation gedeutet.
Anhänger dieser Lehre behaupten:
In ihren Schriften heißt es:
„Ein Reich zerbricht nicht an zu viel Macht,
sondern an zu wenig Entschlossenheit.“
Der Kronrat gilt in dieser Lehre als Zeichen institutionalisierter Angst.
Ihm wird vorgeworfen:
Die Lehre fordert stattdessen eine starke, unangefochtene Krone, die nicht bittet, sondern befiehlt.
Die Lehre der Ungeteilten Krone ist offiziell verboten.
Dennoch taucht sie immer wieder auf:
Ihre Verbreitung gilt als Hochverrat.
Die offiziellen Chroniken schließen mit einer Warnung:
wird bald Stärke mit Grausamkeit verwechseln.
Denn eine Krone, die niemals abgelegt werden darf, muss irgendwann im Blut verteidigt werden.